Nehmen Sie ein Werk Ihres Lieblingsautors zur Hand und suchen Sie darin einen Abschnitt, der Ihnen besonders gut gefällt. Schreiben Sie etwa eine Seite wortwörtlich daraus ab, nur um zu spüren, wie man diese besonderen Wort- und Satzkombinationen schreibt. Vielleicht verstehen Sie sogar, wie der Autor zu diesem Abschnitt gelangt ist. In jedem Fall aber werden Sie erfahren, dass alle es auf die gleiche Art machen … nämlich indem sie ein Wort nach dem anderen schreiben.” (Steele S. 36)
Ich nehme für diese Übung eine Seite aus dem 5. Kapitel von “Die Deutschstunde” von Siegfried Lenz,
Es wird erzählt, dass du hinter ihm her bist, sagte der Postbote. Hinter ihm her, sagte mein Vater, was heißt hier: hinter ihm her? Einer musste ihm doch beibringen, was gegen ihn verfügt worden ist, na, und das is eben meine Aufgabe hier. – Es wird erzählt, sagte der Postbote, dass du ihn im Auge behältst abends und morgens, und sogar in der Dunkelheit. – Das Malverbot hat überwacht zu werden, sagte mein Vater kurz, und Okko Brodersen, der auf diese Antwort gefasst war: Es wird erzählt, dass du mehr tust, als einer tun sollte, jedenfalls mehr, als die Pflicht verlangt. – Ihr wisst nicht, was sie von mir erwarten, sagte mein Vater. Nein, sagte der Postbote, das wissen sie wohl nicht, aber sie glauben, darüber Bescheid zu wissen, was du selbst von dir erwartest in dieser Angelegenheit: es wird erzählt, dass du dir persönlich was vorgenommen hast. Der Polizeiposten Rugbüll zuckte die Achseln, er sah gelassen den Mann an, der auf mehreren Photographien im Büro neben ihm zu finden war – sogar auf dem ovalen Bild, das kniende Kanoniere vor ihrer Haubitze zeigte -, schloss die Augen, bedachte sich und nahm sich sehr viel Zeit, bevor er ungefähr sagte: Ich habe meinen Auftrag, er gibt sich seinen Auftrag. Ich hab ihm erklärt, was er nich tun soll, und er hat mir erklärt, was er auch weiter tun wird. Ich kann keine Ausnahme zulassen, aber er möchte die Ausnahme sein: bring das mal denen bei, die soviel zu erzählen haben. Geh ruhig zu ihnen und bring ihnen bei, dass jeder von uns nur das Seine tut: und ich – wir haben uns gesagt, was zu sagen war, jeder kennt die Folgen.
Der Postbote nickte, er selbst schien nichts dagegen zu haben, und er ließ auch weiter offen, welche Meinung er persönlich vertrat. Einige machen sich Sorgen, sagte er, einige Leute machen sich deinetwegen Sorgen, weil sie glauben, dass die Zeit sich einmal ändern könnte: du weißt, dass er viele Freunde hat. – Ich weiß noch mehr, sagte mein Vater; mir is bekannt, was er denen im Ausland bedeutet, und dass sie ihn sogar bewundern, und ich weiß, dass es auch hier verschiedene gibt, die stolz auf ihn sind – das hat der alte Holmsen mir bestätigt -, stolz, weil er unsere Landschaft erfunden oder geschaffen oder bekanntgemacht hat. Ich hab sogar gehört, dass man im Westen oder Süden zuerst an ihn denkt, wenn man an unsere Gegend denkt … ich weiß schon genug, das könnt ihr mir glauben. Aber Sorgen? Wer seine Pflicht tut, der braucht sich keine Sorgen zu machen – auch wenn die Zeiten sich einmal ändern sollten. Es wird erzählt, sagte der Postbote, dass du die Bilder aus den letzten Jahren beschlagnahmt hast.
Da kam eine Verfügung aus Berlin, sagte mein Vater, und ich habe dafür gesorgt, dass die Bilder gut verpackt nach Husum transportiert wurden, was weiter mit ihnen passiert ist, weiß ich nich.
Gingen nach Berlin weiter, sagte der Postbote, und wurden da zur Hälfte verbrannt und zur Hälfte verkauft, wie jemand erfahren haben will. – Weiß ich nich, sagte mein Vater, davon hab ich nix gehört, weil ich dafür nicht zuständig bin, ich bin nur für Rugbüll zuständig.
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